Winter 2025 bis Sommer 2026

2025–2026
München
Fotografiert von Schneider Hoffmann Architekten

Als eine der ältesten Städte Deutschlands wird Kempten gerne als die Hauptstadt des Allgäus bezeichnet. Unter Ludwig I. entstand im Jahr 1852 der erste Kemptner Bahnhof als Kopfbahnhof in Innenstadtnähe im Bereich des heutigen „Forum Allgäu“. Mit dem Ausbau der Eisenbahnstrecke stieg das Verkehrsaufkommen rapide an, sodass der Bahnhof mithilfe der Kemptner Umgehungsbahn vom Durchgangsverkehr entlastet werden sollte.

1961 wurde beschlossen, den Kopfbahnhof stillzulegen und stattdessen einen Durchgangsbahnhof an heutiger Stelle zu errichten. Zwar wurde mit dem neuen Bahnhof das Verkehrsproblem massiv entschärft, jedoch wurde mit dem Bahnhof auch ein wichtiger Ort des öffentlichen Lebens aus der Innenstadt entfernt. Der fußläufigen Anbindung von Innenstadt und Bahnhof kommt bis heute kaum eine Bedeutung zu.

Zeitgleich zum 1969 fertiggestellten Bahnhof wurde nördlich des Bahnhofsvorplatzes ein neues Dienstgebäude der Bundespost errichtet. Das zweiteilige Gebäude besteht aus einem mittlerweile viergeschossigen Büro-Teil mit einer Kantenlänge von ca. 42 x 35 m mit Innenhof und einer zweigeschossigen, ca. 70 x 55 m messenden Lagerhalle. Die Lagerhalle verzahnt sich im Osten mit der Bahnsteiganlage und verbindet die Post über eine von außen nicht sichtbare Rampe direkt mit der Schiene.

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Schneider Hoffmann Architekten
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Fotografiert von Schneider Hoffmann Architekten

Die Beschäftigung mit dem Bestand ist weit mehr als ein architektonischer Trend. Im Rahmen der aktuell stattfindenden sozio-ökologischen Transformation ist sie eine essentielle Antwort auf die wichtigsten Fragen unserer Fachdisziplin. Die Auseinandersetzung mit wenig spektakulären oder sogar problematischen Bestandsbauten ist dabei besonders spannend: Hätte man diese noch vor wenigen Jahren ohne viel Hinterfragen abgebrochen, werden nun neue Strategien diskutiert. Das in dieser Aufgabe zu transformierende Gebäude gehört sicherlich zu diesen, architektonisch eher schwierigen Bauten, zeichnet sich aber durch eine sehr robuste Struktur aus, die viel Potential für ein „zweites Leben“ hat.

Der Gebäudekomplex der Bundespost wurde weitestgehend in Stahlbetonbauweise auf einem Raster von 3.5m errichtet. Der westliche Teil wird heute von der IHK und verschiedenen Büros genutzt und wurde im Jahr 2016 von drei auf vier oberirdische Geschosse aufgestockt. Die Decken spannen über 7 bzw. 10.5m von Außenwand zu Außenwand und ermöglichen eine sehr flexible Gestaltung der Innenräume.

Die angrenzende, zweigeschossige Halle ist als Stahlbeton-Skelettbau mit einer Stützweite von 7 bzw. 14 m ausgeführt. Die Pi-Platten der Decke über EG spannen in der Regel von Ost nach West und ermöglichen ebenfalls eine sehr flexible Nutzung des Innenraums. Die Halle wird aktuell als Außenlager einer Möbelfirma genutzt. Im Norden und Süden wird die Halle von einer ebenfalls zweigeschossigen, aber gegenüber der Halle etwas niedrigeren Mantelbebauung eingefasst. Die südliche Mantelbebauung beinhaltet aktuell eine kleinteilige Bürostruktur.

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Schneider Hoffmann Architekten
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Fotografiert von Schneider Hoffmann Architekten

Bedingt durch die innenstadtferne Lage in der Stadt findet im Bereich des Kemptner Bahnhofs kaum öffentlich-soziales Leben statt. Das ehemalige Postgebäude steht der direkten Verbindung zwischen Bahnhof und Innenstadt sehr deutlich im Weg. Um zum Einen diese Verbindung zur Stadt hin neu zu formulieren und zum Anderen einen Impuls für mehr soziales Leben am Bahnhof zu schaffen, beschäftigen wir uns in der vorliegenden Entwurfsaufgabe mit der Transformation der ehemals von der Post genutzten Lagerhalle hin zu einem in großen Teilen öffentlichen Gebäude.

Der westliche viergeschossige Büro-Teil soll im Rahmen des Entwurfs im EG schematisch mitgedacht werden. Eine Aussage zum Umgang mit dem Übergangsbereich der beiden Gebäudeteile wird erwartet. Die Fassade des Bürogebäudes soll im Zuge der Fassadengestaltung der Halle ebenfalls überarbeitet und eine Aussage zur Gesamtwirkung des Gebäudekomplex getroffen werden.

Neben der programmatisch- räumlichen Auseinandersetzung mit der Aufgabe wird ein Schwerpunkt auf die konstruktive Bearbeitung gelegt. Dabei soll das Gebäude – sowohl Bestand als auch Umbauten immer in Schichten gedacht werden: tragende Struktur, nicht tragende baukonstruktive Einbauten, Einrichtung, bauphysikalische Hülle und Fassade. Die Umbaumaßnahmen sind nach Möglichkeit so zu gestalten, dass diese ohne komplexe Eingriffe in bestehende Tragstrukturen auskommen und sortenrein rückbaubar sind.

Auszug Entwurfsaufgabe ‚Cambiodunum‘

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